Blinde Schüler zu Gast bei autonomen Testfeld in Marburg

27. Dezember 2017
Stefan Häfner

Bei unserem Testfeld in Marburg hatten wir erstmalig die Chance, gemeinsam mit der Universität Marburg, ein wissenschaftliches Forschungsfeld aufzusetzen, das sich mit Akzeptanzforschung der Fahrgäste beschäftigt. Dabei hat sich für uns eine ganz besondere Gelegenheit aufgetan, denn in Marburg gibt es eine ganz besondere Einrichtung. Die blista, die Deutsche Blinden Studienanstalt, ist eine Bildungseinrichtung speziell für blinde und sehbehinderte Menschen.

Mobilität für Blinde

Schon bei unserem ersten Besuch in Marburg machte mich Verena auf die zahlreichen, offensichtlich sehbehinderten Menschen im Stadtbild aufmerksam. Sie hatte hier studiert und kannte sich aus. Noch während sie erzählte, wurde uns beiden klar, worüber wir noch nie bewusst nachgedacht hatten und eine unvermeidbare Frage drängte sich uns auf:

„Was bedeutet Mobilität eigentlich für Blinde?“

Gefragt getan. Am nächsten Morgen telefonierten wir mit der Schulleitung, erzählten von unserem Anliegen und luden den Abijahrgang zur Probefahrt mit dem autonomen Bus ein. Zu unserer großen Freude hatten die Schüler ebenfalls Lust, eine neue Erfahrung zu machen. Zweit Tage später war es dann soweit.

Schüler der blista und das MO14-Projektteam am hochautomatisierten Shuttle.

Probefahrt im autonomen Bus

Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich ziemlich aufgeregt war, denn ich hatte keine Ahnung, worauf man beim Umgang mit blinden Menschen achten muss. Die waren da deutlich cooler und hatten eine klare Vorstellung, wie alles zu laufen hatte. Geduldig beantworteten sie meine unbeholfenen Fragen und erzählten auf dem Weg zur Teststrecke von ihrem Verhältnis zur Mobilität.

Auf dem Gelände der Pharmaserv, wo unser Testbetrieb eingerichtet war, wechselte dann das Frage-Antwort-Spiel, denn unser Fahrzeug war für die interessierten Gäste neu und warf viele Fragen auf. „Wie erfahre ich, wo ich bin, wenn ein autonomer Bus mitten im Nichts stehenbleibt und ich keinen Handyempfang habe?“ – „Wie leise ist der Bus, wenn er fährt? Kann man ihn hören?“ – „Wie erfahre ich die Route, die der Bus fährt?“.

Jeder durfte zuerst eine Runde um den Bus drehen, um das Fahrzeug zu ertasten. Erste Überraschung für mich, jeder erkannte, dass das Fahrzeug vorne und hinten komplett gleich ist. Im Innenraum waren fehlendes Lenkrad und Pedale das Gesprächsthema. Die Probefahrt machte deutlich, dass es für blinde und sehbehinderte Menschen zwingend erforderlich ist, sich festzuhalten oder anzuschnallen, denn wenn ein Fahrzeug den Bus überholt und schneidet, muss dieser scharf bremsen. Ein Sehender erkennt in der Regel, wenn das passiert und kann sich darauf vorbereiten. Wenn man den Überholvorgang des anderen Verkehrsteilnehmers jedoch nicht wahrnimmt, kann das gefährlich werden.

Selbstverständlich sind wir vorsichtig gefahren und haben gut auf unsere Gäste geachtet, denn wir wollten ja noch mit ihnen über ihre Erwartungen an die Mobilität der Zukunft diskutieren.

Mit solch einem Controller kann manuell eingegriffen und gesteuert werden.

Reiseplanung ist sehr wichtig

Dabei wurde uns klar, dass eine Sehbehinderung nicht automatisch zum Ausschluss vom öffentlichen Leben führt. Blinde Menschen planen nur viel akribischer, wenn sie einen Ausflug machen. Außerdem kann man ja jederzeit nach dem Weg fragen oder um Hilfe bitten.

Dazu unbedingt anschauen: Thorsten Büchner in „With a little help…“

„Mein schönstes Erlebnis war, einmal selbst Auto zu fahren!“

Das berichtete uns Jalea „da konnte ich mal richtig aufs Gas treten“. Mit einem Fahrschulauto samt Fahrlehrer war ihr das vor einiger Zeit möglich gemacht worden und sie strahlte über das ganze Gesicht, als sie davon erzählte.

Wir haben tolle Einblicke in das Mobilitätsverhalten blinder Menschen bekommen und fahren mit einer Idee nach Hause. Gerne möchten wir Jaleas Erfahrung mit dem Fahrschulauto für andere blinde Schüler wiederholen, denn das scheint unfassbar viel Freude bereitet zu haben.

Hier findet ihr weitere Infos zum Besuch der Blista.

Liebe Mädels und Jungs der blista, lieber Thorsten, liebe Imke, habt herzlichen Dank für eure Zeit, euren Einsatz und den spannenden Austausch mit euch. Alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft. Ihr habt uns schwer beeindruckt.

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[…] des Frankfurter Flughafens steht Anfang Dezember ein weiteres Testfeld auf dem Betriebsgelände der Behringwerke / Pharamserv in Marburg […]

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